TarotJA
Mantik

Gänseblümchen-Orakel

Denk an diesen Menschen und zupf das Gänseblümchen, Blatt für Blatt. Das letzte entscheidet.

Vor den Karten, vor dem Kaffeesatz und vor jedem Orakel mit griechischem Namen gab es das hier: ein Gänseblümchen vom Wegrand und eine Frage, die man sich laut nicht zu stellen traute. Er liebt mich, er liebt mich nicht. Blatt für Blatt, bis die Blume keine Ausreden mehr hat und die Wahrheit sagt.

Die kurze Fassung kennt jeder — aber die alte deutsche Reihe hat mehr Stufen: von Herzen, mit Schmerzen, über alle Maßen, kann nicht von dir lassen, gar nicht. Genau die benutzt dieses Gänseblümchen, denn ein Herz gibt sich selten mit Ja oder Nein zufrieden: die eigentliche Frage ist fast immer wie sehr.

Der Brauch ist der alte: denk an diesen einen Menschen — nur an ihn — und zupf die Blütenblätter eines nach dem anderen, mit der Reihe im Kopf. Niemand weiß, wie viele Blätter ein Gänseblümchen hat, und genau das ist der Witz: der Zufall der Blume gibt die Antwort. Die Stufe des letzten Blattes ist, was dir das Gänseblümchen heute zu sagen hat.

Ist das Wissenschaft? Nein — und das mit Stolz: es ist einer der zärtlichsten Bräuche, die sich Menschen je ausgedacht haben, um der Welt die Frage zu stellen, die sie einem Menschen nicht stellen können. Nimm es als das, was es ist — ein Schubs, ein Trost oder ein Lächeln. Und wenn dir die Antwort nicht gefällt: Auf der Wiese steht immer noch ein Gänseblümchen.